Das Referendariat ist eine der intensivsten Phasen im Lehrer:innenleben. Plötzlich steht man nicht mehr „nur" im Studium, sondern direkt vor Klassen, unter den Augen von Ausbilder:innen, Mentor:innen und Prüfer:innen. Die Erwartungen sind hoch: Didaktisch fundierte Unterrichtsstunden, souveräne Klassenführung, professionelles Auftreten im Kollegium – und das alles bei enormem Zeitdruck.
Viele Referendar:innen fühlen sich in dieser Zeit hin- und hergerissen: zwischen pädagogischem Anspruch, fachlicher Tiefe und persönlicher Belastungsgrenze. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in Klarheit, Routinen und pragmatischem Zeitmanagement – und darin, sich nicht allein durchzuschlagen, sondern die richtigen Ressourcen zu nutzen.
1. Der Start ins Referendariat – Orientierung finden
1.1 Neue Rollen verstehen
Als Referendar:in bist du gleichzeitig Lernende:r und Lehrende:r.
- Lernende:r: Du wirst von Fachleiter:innen und Mentor:innen angeleitet, erhältst Hospitationen und Feedback.
- Lehrende:r: Du trägst Verantwortung für echte Klassen, planst Unterricht und übernimmst Vertretungen.
1.2 Erwartungen klären
- Von Mentor:innen: Zuverlässigkeit, offene Kommunikation, Bereitschaft, Feedback anzunehmen.
- Von Fachleiter:innen: Didaktische Fundierung, Reflexionsfähigkeit, stetige Entwicklung.
- Von Schulen allgemein: Pünktlichkeit, Engagement, Teamfähigkeit.
Tipp: Sprich Erwartungen aktiv an. Ein kurzes Gespräch am Anfang spart Missverständnisse später.
2. Die erste Unterrichtsstunde – professionell starten
2.1 Vorbereitung ist alles
- Minimalgerüst: Lernziele, Ablauf, Material.
- Plan B: Kurze Ersatzaufgabe oder Reserve-Übung, falls Technik oder Zeitplanung scheitern.
- Klarheit: Weniger Inhalte, dafür präzise und gut erklärt.
2.2 Auftreten
- Körpersprache: Offene Haltung, Blickkontakt, Stimme bewusst einsetzen.
- Regeln klarstellen: Von Beginn an Erwartungen an Verhalten transparent machen.
- Authentisch bleiben: Schüler:innen spüren sofort, wenn man eine Rolle spielt.
2.3 Erste Stunde als Chance
- Sie muss nicht „perfekt" sein – wichtiger ist, dass du Struktur und Sicherheit vermittelst.
- Reflektiere danach: „Was hat funktioniert? Was nehme ich fürs nächste Mal mit?"
3. Unterrichtsentwürfe schreiben – mit System statt Stress
3.1 Typische Bausteine eines Entwurfs
- Thema & Lernziele
- Sachanalyse (fachlicher Hintergrund)
- Didaktische Analyse (Begründung der Stoffauswahl)
- Methodische Analyse (Begründung der Methodenwahl)
- Verlaufsplan (Minutengenau, mit Sozialformen/Materialien)
- Materialien (Arbeitsblätter, Folien, Tafelbilder)
3.2 Didaktische Tiefe zeigen
- Beziehe dich auf den Kernlehrplan deines Bundeslandes.
- Mache explizit: Warum dieser Inhalt? Welcher Kompetenzbereich wird gefördert?
- Vermeide Floskeln, argumentiere präzise („Schüler:innen sollen XY können, weil…").
3.3 Praktische Tipps
- Nutze Schablonen (z. B. ein einheitliches Layout für alle Entwürfe).
- Halte Rubriken kurz & präzise – Prüfer:innen haben wenig Zeit.
- Lass dir Musterentwürfe zeigen (von Mentor:innen oder Mitreferendar:innen).
4. Unterricht planen – das 5-Schritte-Modell
- Lernziele festlegen (kompetenzorientiert, operationalisiert).
- Einstieg wählen (kurz, motivierend, zum Thema passend).
- Erarbeitung strukturieren (Methodenvielfalt, Differenzierung).
- Sicherung einplanen (Ergebnisse sichtbar machen).
- Abschluss & Ausblick (Reflexion, Transfer, Hausaufgabe).
Faustregel: Plane realistisch – 30 Minuten Unterricht sind besser strukturiert als 45 Minuten „Überladung".
5. Hospitationen & Feedback – lernen, ohne unterzugehen
5.1 Hospitationen effektiv nutzen
- Bereite Fragen vor („Wie kann ich die Schüler:innen aktiver einbinden?").
- Notiere konkrete Beobachtungen – nicht nur „war interessant", sondern „Methode XY, könnte ich für Thema Z nutzen".
5.2 Feedback annehmen
- Nicht rechtfertigen, sondern zuhören.
- Notiere dir die wichtigsten Punkte.
- Nimm dir eine Sache für die nächste Stunde konkret vor.
5.3 Feedback geben
- Sei respektvoll und konkret.
- Konzentriere dich auf Handlungen, nicht auf die Person.
6. Zeitmanagement im Referendariat – überleben statt ausbrennen
6.1 Die drei größten Zeitfresser
- Überperfektionismus (stundenlanges Feilen am Arbeitsblatt).
- Tool-Wildwuchs (zig Plattformen ohne Routine).
- Unklare Kommunikation (Nachfragen von Schüler:innen/Eltern).
6.2 Lösungen
- Setze Zeitlimits für die Vorbereitung (z. B. max. 90 Min pro Stunde).
- Nutze Vorlagen & Checklisten (für Entwürfe, Materialien, E-Mails).
- Strukturiere deine Woche: Fixe Planungszeiten, Korrekturblöcke, freie Slots.
7. Klassenführung – souverän von Anfang an
7.1 Grundprinzipien
- Konsequenz + Freundlichkeit = Respekt.
- Regeln gemeinsam entwickeln, aber konsequent einhalten.
- Rituale nutzen: feste Start-/Endsignale, klare Abläufe.
7.2 Tipps gegen typische Probleme
- Störungen: Sofort ansprechen, ohne große Diskussion.
- Unruhe: Sitzordnung variieren, klare Arbeitsaufträge formulieren.
- Mangelnde Beteiligung: Denkpausen einbauen, „Think-Pair-Share" nutzen.
8. Prüfungsvorbereitung – den Endspurt meistern
8.1 Anforderungen
- 2–3 geplante Prüfungsstunden (je nach Bundesland).
- Schriftlicher Entwurf + mündliches Kolloquium.
- Fokus: Didaktische Begründung, stringente Planung, souveräne Durchführung.
8.2 Erfolgsfaktoren
- Frühzeitig üben: Generalproben mit Kolleg:innen/Mentor:innen.
- Entwürfe mehrfach testen – Probe-Unterricht mit Feedback.
- Prüfungsstunden nicht „überladen" – lieber klar und durchdacht.
8.3 Mentale Vorbereitung
- Simulationen durchspielen (Störungen, Zeitknappheit).
- Notfallplan: 1 Ersatzübung/Material dabeihaben.
- Selbstfürsorge: Schlaf, Pausen, Ausgleich sind kein Luxus, sondern Pflicht.
9. Digitale Unterstützung – Tools, die helfen können
- Planung & Entwürfe: Word/OneNote/Notion, oder spezialisierte Tools wie didactAI.
- Organisation: Kalender, To-do-Apps (Trello, Todoist), digitale Notizsysteme.
- Kommunikation: Schul-LMS, E-Mail – keine Privatmessenger!
- Sammlung von Materialien: Schulcloud/Drive/OneDrive.
Wichtig: Tools sind Helfer, keine Zauberformel. Entscheidend ist, dass du sie konsequent nutzt.
10. Tipps für die Psyche – gesund bleiben im Referendariat
- Austausch suchen: Mit anderen Referendar:innen, Stammtisch, WhatsApp-Gruppe.
- Reflexionstagebuch: Kurz aufschreiben, was gut lief – stärkt die Wahrnehmung für Fortschritte.
- Sport & Ausgleich: Plane 2 fixe Termine pro Woche, wie Unterricht.
- Realistische Ansprüche: Fehler sind Lernchancen. Niemand erwartet Perfektion.
Fazit: Das Referendariat als Chance
Ja, das Referendariat ist anstrengend. Aber: Es ist auch die Phase, in der du die meisten Entwicklungsschritte machst – fachlich, didaktisch und persönlich. Mit klaren Strukturen, einem guten Zeitmanagement und der Bereitschaft, Feedback anzunehmen, kannst du nicht nur bestehen, sondern gestärkt herausgehen.
Sieh die Zeit nicht als Prüfungsmarathon, sondern als professionelles Trainingslager: Hier legst du die Basis für deine gesamte Berufslaufbahn.